Lebensweise in Freiheit

Die Steppenschildkröte - Lebensweise in Freiheit
 
Ein Artikel von Annemarie Winter
 
 

1. Die Steppenschildkröte in ihrem Lebensraum


Vorbemerkung: Meine Angaben zu wildlebenden Steppenschildkröten stützen sich hauptsächlich auf die momentan neuesten feldherpetologischen Studien einer französischen Forschergruppe um LAGARDE, F. und BONNET, X. in den Jahren 1996 – 2000. Die Untersuchungen wurden in der Nähe von Buchara/Usbekistan in einem Naturschutzgebiet durchgeführt und damit etwa in der Mitte des riesigen Verbreitungsgebietes (1.1.). Die Artikel können im Internet heruntergeladen und nachgelesen werden (s. Literaturverzeichnis). Wegen der besseren Lesbarkeit verzichte ich darauf, innerhalb meines Textes alle Verweise auf diese Studie einzeln zu kennzeichnen. Andere Quellen sind jeweils angegeben.

1.1 Verbreitung und Unterarten


Die Steppenschildkröte Testudo horsfieldii bewohnt die mittelasiatischen Steppen in einem Gebiet, das nördlich bis nach Kasachstan hineinreicht (etwa bis zu einer Linie, die die Nordufer von Aral- und Balchaschsee verbindet) und vom Kaspischen Meer bis ins westliche China (Flusstal des Ili) ausgreift. Es umfasst außerdem die Länder Kasachstan, Usbekistan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan, Iran, Pakistan und Afghanistan zumindest teilweise. Damit beträgt die Ost-West-Ausdehnung ebenso wie die Nord-Süd-Ausdehnung über 2000 km. Das entspricht der Entfernung zwischen Norditalien und Kairo. Da z. B. bei der Griechischen oder Maurischen Landschildkröte bereits auf weit kürzeren Distanzen verschiedene Unterarten vorkommen, wird dies auch für die Steppenschildkröte angenommen. Bis heute sind aber die Forschungsergebnisse und Informationen darüber spärlich und unbefriedigend. Die Arealgrenzen sind nicht eindeutig geklärt und die Merkmallisten eher verwirrend als erhellend. Bei gezielter Forschungstätigkeit würden wahrscheinlich weitere Unterarten entdeckt werden. Auf Grund der unsicheren politischen Lage in großen Teilen Mittelasiens sind allerdings in nächster Zeit nur wenig neue Erkenntnisse zu erwarten. Die hier gezeigte Verbreitungskarte stützt sich auf mir zugängliche Informationen, ist daher höchstens als vorläufig zu betrachten.
Für den interessierten Schildkrötenhalter ist wichtig zu wissen, dass der größte Teil der bei uns gehaltenen Testudo horsfieldii aus dem südlichen Kasachstan und aus Usbekistan, evt. auch aus Turkmenistan stammen und damit nach bisherigem Erkenntnisstand fast ausschließlich der Unterart Testudo horsfieldii kazachstanica angehören (Terra typica: Ein Dorf am Fluss Karatal, einem südlichen Zufluss des Balchaschsees).


(Bild von Annemarie Winter)


1.2 Geografie des Verbreitungsgebietes


Große Flächen Südkasachstans, Usbekistans und Turkmenistans sind ebene, steppen- bis wüstenartige Gebiete.
Diese steigen vom Kaspischen Meer im Westen nach Osten zu den Hochgebirgen hin allmählich an. Sie werden gelegentlich von alten, erodierten Gebirgszügen unterbrochen, wie z. B. dem Karatau in Kasachstan oder dem Nuratau in Usbekistan. Karatau und Nuratau flankieren den schmalen Zugang zum Ferganatal, einem fruchtbaren Becken umgeben von Hochgebirgen. Die niederschlagsarmen Steppengebiete werden von zwei mächtigen Flüssen wie von zwei Lebensadern durchzogen. Der Syr-Darja entspringt im Tien-Shan-Gebirge, der Amu-Darja im Pamirgebirge. Schon in der Antike wurde das Wasser dieser Flüsse für die Bewässerung genutzt, doch erst in neuerer Zeit in einem solchen Ausmaß, dass beide Flüsse weit vor ihrem eigentlichen Ziel, dem Aralsee, versiegen. Dadurch trocknet der Aralsee zunehmend aus. Der Balchaschsee weiter im Osten ist bisher von diesem Schicksal (noch) verschont geblieben, obwohl auch das Wasser seiner zahlreichen Zuflüsse wie Ili oder Karatal intensiv genutzt wird.
Zwischen Syr-Darja und Amu-Darja erstreckt sich die Halbwüste Kysil-Kum („roter Sand), hauptsächlich in Usbekistan gelegen.
Südlich des Amu-Darja, der über weite Strecken die Grenze zwischen Usbekistan und Turkmenistan bildet, dehnt sich die Sandwüste Kara-Kum („schwarzer Sand“) aus. Das Kopet-Dag-Gebirge bildet die natürliche Grenze zwischen Turkmenistan und dem Iran. Westlich davon schließt sich die hochgelegene Beckenlandschaft des Irans an.


(Bild freundlicherweise überlassen von Andrej Seifert, www.kasach.de)