Lebensweise in Freiheit - Seite 2

1.3 Bedrohung durch Tierhandel und Habitatzerstörung

Auch heute noch erwirtschaften sich immer noch manche Einheimischen durch das Sammeln von Schildkröten für die Haustiermärkte in Moskau oder für den Export ein kleines Zusatzeinkommen. Verständlich aus menschlicher Sicht, denn die Armut in weiten Teilen Mittelasiens ist groß. In Zahlen: Von 1995 bis 1999 exportierten Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan über 160 000 Steppenschildkröten (2/3 davon aus Usbekistan) Ranchingprojekte existieren inzwischen in Usbekistan z. B. bei Taschkent, wo versucht wird, Schildkröten als Ressource wirtschaftlich zu nutzen ohne die bestehenden Populationen allzu nachhaltig zu schädigen. Dafür werden allerdings bislang die Elterntiere den Wildbeständen entnommen. Durch das gezielte Absammeln in den oft sehr übersichtlichen Habitaten wurden mit Sicherheit schon viele Populationen stark dezimiert bzw. ausgelöscht.

Dennoch stellt die Bedrohung durch fortschreitende Habitatzerstörung das weit größere Problem dar. So werden heute dank moderner Bewässerungstechniken in Kasachstan und Usbekistan sehr viel größere Flächen landwirtschaftlich genutzt als noch vor ein oder zwei Jahrzehnten. Bewässerungsgräben zerschneiden die Landschaft oft schachbrettartig und stellen wahre Tierfallen dar. Der in Sowjetzeiten einseitig geförderte Anbau von Baumwolle, der z. B. in Usbekistan über 70% der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmacht, benötigt sehr viel Wasser und einen hohen Pestizideinsatz. Da zudem Schildkröten oft als Schädlinge gelten, ist ein Abdrängen in besonders unwirtliche Randgebiete die logische Folge. Aber auch dort verändern sich Flora und Kleinklima durch die Nutzung praktisch aller Wasserressourcen für die Bewässerung. Früher führten die großen Flüsse Syr-Darja und Amu-Darja eine unerschöpflich erscheinenden Wassermenge und fruchtbaren Schlamm mit sich. Heute erreichen sie den rapide schwindenden Aralsee nicht mehr, die Böden versalzen, Salzwüsten breiten sich aus. Die Bodenversalzung in Mittelasien stellt ein gravierendes Problem für die Landwirtschaft dar, zerstört aber auch tierische Lebensräume. Die Region rund um den Aralsee ist heute ein ökologisches Katastrophengebiet und wird längst als „Aralkum“, Aralwüste bezeichnet. Das Delta des Amu-Darja, dessen Feuchtgebiete (Tugai) früher Lebensraum für viele Tierarten vom Tiger bis zur Schildkröte waren, versalzt und verödet und gehört nun zu den ärmsten Regionen Usbekistans. Steppenschildkröten sind daher, obwohl weniger streng geschützt als z. B. die Griechische Landschildkröte, ebenfalls als bedrohte Art anzusehen.


(Tugai in Tadschikistan, freundlich überlassen von Jan Ševčík, www.sevcikphoto.com)

Eine weitere Gefährdung der Schildkrötenpopulationen dürfte heute vergleichsweise wenig bedeutsam sein. Ausgeschlossen ist eine Nutzung zur Bereicherung der menschlichen Speisekarte auf Grund der Armut der ansässigen Bevölkerung aber nicht. In diesem Zusammenhang sind die Ausführungen des russischen Zoologen A. G. BANNIKOW (1951) zumindest historisch interessant:

„Zum Abschluss sollen noch einige Worte über die Möglichkeit der Verwendung der Schildkröten als Nahrungsmittel gesagt werden. Das Fleisch der Schildkröten, besonders der Griechischen Landschildkröte (Anmerkung: gemeint ist testudo graeca), hat sehr gute geschmackliche Eigenschaften und ist kaum von dem Fleisch der gefiederten Wildvögel zu unterscheiden. Suppe aus einer fetten Schildkröte ist unübertrefflich, das Fleisch ist ebenso sehr gut, wenn es gebraten wird. Was die Eier betrifft, so ist ein großer Prozentsatz des Fettes im Dotter und gibt ihm den Geschmack eines Eidotters, das in einer großen Menge von Sahne verrührt wurde. Aus einem getöteten Weibchen kann man bis zu 12 und noch mehr schon vollständig entwickelte Eier bekommen sowie auch große Dotter, was im Gewicht ungefähr 5 Hühnereiern entspricht.
In einigen Gebieten hat das verstärkte Fangen von Schildkröten fast zu ihrer vollständigen Ausrottung geführt. Besonders haben dabei die Weibchen gelitten. Allerdings werden die Schildkröten in der Mehrzahl der Gebiete nicht gefangen und bei einer richtigen Ausnutzung könnten sie als ein gewisser Nahrungsfond dienen. In der letzten Zeit hat sich eine organisierte Nutzung der Schildkröten eingerichtet. Schließlich kann man mit Schildkrötenfleisch auch die Schweine füttern und in Fischereibetrieben z.B. kaspische Lachse, ohne dabei wertvollen Fisch zu verwenden.“