Lebensweise in Freiheit - Seite 5

1.5. Körperbau und Lebensweise

Steppenschildkröten sind an diese extremen Lebensbedingungen optimal angepasst. Sie überstehen sowohl sehr heiße, trockene Sommer als auch lange und kalte Winter. Ihr Körperbau spiegelt dies wieder. Der glatte, flache, von oben betrachtet ziemlich rundliche Panzer ohne abstehende Ränder ist die ideale Form für eine grabende, zum größten Teil unterirdische Lebensweise. Angeblich hält sich eine Steppenschildkröte während über 95% ihrer Lebenszeit (Umgebung Buchara) unter der Erde auf. Die Vorderbeine sind außerordentlich kräftig und mit dicken, großen Hornschuppen besetzt. Die nach den vier starken, spatelförmig verbreiterten Krallen auch als „Vierzehenschildkröte“ bekannte Art kann damit lange Gänge graben oder die Bauten anderer Tierarten erweitern und vergrößern.



Im südöstlichen Usbekistan (Nuratau) ermittelten MICHEL S., STÖCK M. (1996) Populationsdichten von durchschnittlich 2,5 – 6,8 (max. 18) Tiere pro ha. Einige frühere Untersuchungen kamen in anderen Regionen zu ähnlichen Resultaten. Lokale Ansammlungen bis zu 50 Tieren an besonderen Gunstplätzen (Schatten, Futter) sind dennoch möglich (aus VETTER H., 1999).

Testudo horsfieldii ist eine mittelgroße Schildkrötenart. Bei Buchara/Usbekistan wurden Männchen bis 670 g und Weibchen bis 1230 g (Durchschnitt 480 g und 950 g) gefunden. Für weiter nördlich gelegene Gebiete in Kasachstan lassen sich Gewichtsangaben von bis zu 780 g (Männchen) bzw. 1550 g (Weibchen) finden (aus VETTER H., 1999). Offenbar überschreiten, zumindest in Kasachstan und Usbekistan, Weibchen eher selten ein Gewicht von 1,5 kg in freier Wildbahn. Im Nordostiran wurden aber auch Weibchen mit max. 2300 g und Männchen mit max. 1350 g gefunden; Tiere bis 3 kg scheint es zu geben (pers. Mitteilung). Über das Wachstum der Jungtiere existieren nur sehr spärliche Angaben. MICHEL S., STÖCK M. (1996) fanden in Usbekistan 3jährige Tiere von etwa 60 g und vermutlich 5-6jährige Tiere mit einem Gewicht von 80 – 180 g. Die Geschlechtsreife wird mit 10-13 Jahren erreicht. Viele der adulten Tiere aus der Feldstudie bei Buchara wurden auf ein Alter von 15-25 Jahre geschätzt. Sehr alte Tiere über 35 Jahre scheinen unter den harten Bedingungen im Habitat kaum vorzukommen.

Auffallend ist stets der Größenunterschied zwischen den Geschlechtern. Die Männchen sind oft nur halb so schwer wie die Weibchen, dafür aber sehr flink, wendig und schneller als die Weibchen. Die Untersuchung von BONNET et. al. (2001) in Usbekistan belegt, dass die Männchen während der Paarungszeit tatsächlich einen viel größeren Teil ihrer Zeit mit Fortbewegung verbringen als die Weibchen. Meines Erachtens stellt der sehr auffällige Größenunterschied, der bei den anderen europäischen Landschildkrötenarten so ausgeprägt nicht zu finden ist, eine weitere Anpassung an das Leben unter extremen Bedingungen dar. Kleine Männchen benötigen weniger (Futter-) Ressourcen, und erfüllen ihre Befruchtungsaufgaben ebenso effektiv. Kleinere (400 g) und größere (650 g) Männchen dagegen unterschieden sich kaum in der Fortbewegungsgeschwindigkeit, woraus man schließen muss, dass Größe für Steppenschildkrötenmännchen unter den gegebenen Bedingungen keinen Selektionsvorteil bringt. Ihr Fortpflanzungserfolg basiert offenbar nicht auf dem Sieg über den Rivalen, sondern auf Schnelligkeit, allgemeiner Angriffslust, Geschicklichkeit und dem frühzeitigen Erwachen aus der Winterstarre. Dank geringer Masse können sich die Männchen nämlich nach kalten Nächten rascher wieder auf Betriebstemperatur bringen als die Weibchen. Durch extreme Aggressivität - aus menschlicher Sicht zeigen sich die Steppenschildkrötenmännchen als zu allem entschlossene, keine Gefahr scheuende Energiebündel - machen sie ihre geringe Größe mehr als wett. Für Raubtiere sind die kleineren Männchen die leichtere Beute Angeblich ist ihre Lebenserwartung durch diese Hochrisikostrategie in freier Wildbahn geringer als die der Weibchen (aus VETTER H., 1999), was für den Fortbestand der Population aber unerheblich ist. Für die Weibchen dagegen ist eine bestimmte Mindestgröße Voraussetzung für die Möglichkeit, eine optimale Anzahl von Eiern zu produzieren.

Im Habitat legen Steppenschildkröten erstaunlich weite Strecken zurück. So wurde von LAGARDE et. al. festgestellt, dass Männchen ein gut 25 ha großes Areal durchstreifen, in der Paarungszeit immer auf der Suche nach paarungsbereiten Weibchen. Dabei bewegen sie sich pro Tag durchschnittlich 150 – 200 m fort. Weibchen haben einen noch größeren Aktionsradius von über 50 ha, doch legen sie auf ihren mehr geradlinigen Wanderungen kürzere Strecken von durchschnittlich 70 m täglich zurück. Eine Erklärung dafür steht aus, denn zur Nahrungsbeschaffung wäre dies nicht notwendig. Am wahrscheinlichsten ist, dass die Weibchen so mehreren Männchen begegnen und die Befruchtungsrate und damit den eigenen Fortpflanzungserfolg optimieren. Außerhalb der Paarungszeit reduziert sich die Lauffreude der Männchen deutlich etwa auf das Niveau der Weibchen.

Dem Klima in der Steppe entsprechend ist die eigentliche Aktivitätszeit der Steppenschildkröte kurz und auf etwa 3 Monate beschränkt. Die Winterstarre wird je nach Region Anfang bis Ende März beendet (Extreme: Februar – Mitte April). Die Männchen zeigen sich etwa zwei bis drei Wochen früher als die Weibchen. Zu Beginn der Aktivitätszeit sind die täglichen Temperaturschwankungen sehr groß. Nachts kommt es noch zu leichten Frösten (sogar bis -10° C Lufttemperatur), tagsüber klettert das Thermometer rasch auf über 20 Grad. Die Sonneneinstrahlung ist enorm. Die soeben erwachten Tiere beginnen fast sofort mit der Nahrungsaufnahme und schon nach wenigen Tagen mit der Balz und den Paarungen. Die eigentliche Paarungszeit ist oft schon nach zwei Wochen abgeschlossen, zumindest für die Weibchen. Die Forschungsgruppe um LAGARDE in Usbekistan konnte einen eindeutigen Zusammenhang der Paarungs- und Kampfbereitschaft der Männchen mit einem stark erhöhten Testosteronspiegel feststellen. Bereits Mitte April sinken die Hormonwerte wieder; die Männchen wenden sich vermehrt der Nahrungsaufnahme zu. In der Region Buchara legen die Weibchen innerhalb von etwa 8 Wochen zwischen Ende April und Mitte Juni durchschnittlich 9 Eier verteilt auf drei Gelege. Die zeitlichen Abstände zwischen den einzelnen Gelegen können mit weniger als zwei Wochen sehr kurz sein. In und nach sehr trockenen Jahren, wenn die Weibchen nur über geringe Körperreserven verfügen, werden weniger Eier abgelegt.