Lebensweise in Freiheit - Seite 6

In der Steppe steht den Schildkröten für ihre Fortpflanzungsaktivitäten maximal die Zeit bis Juni zur Verfügung, denn oft ist nun bereits die Vegetation vertrocknet und die Hitze unerträglich. Die Tiere, wiederum zuerst die Männchen, deren Fortpflanzungsgeschäfte längst beendet sind, ziehen sich in eine unterirdisch abgehaltene Sommerruhe zurück, die unmittelbar in die Winterstarre übergehen kann. Es wurden Schildkröten im März in derselben Position wiedergefunden, in der sie sich im Sommer vergraben hatten. Wenigstens die Schlüpflinge der späteren Gelege müssen, so meine Überlegung, unter solchen Bedingungen in der Eigrube überwintern.

Die Bedingungen (Temperatur, Luftfeuchtigkeit) unter denen Steppenschildkröten tatsächlich ihre lange Ruhezeit verbringen, sind kaum hinreichend untersucht. So sind mir bisher keine Feldstudien zu den tatsächlichen Überwinterungstemperaturen bekannt. Eine Untersuchung (LAGARDE F., BONNET X. et. al., 2002) misst im März Temperaturen zwischen 1,4° und 7,3° C in den Höhlen der Schildkröten bei Buchara. Vage Rückschlüsse lassen sich aus Klimadaten ziehen: So liegt das langjährige Januarmittel für Kysil-Orda bei -4°, Nuratau (westliches Usbekistan) 1,6° und Buchara (südöstliches Usbekistan) bei 1,8° C.

Diese Schilderung der Lebensweise in freier Wildbahn trifft vermutlich für die Mehrzahl der bei uns gehaltenen Steppenschildkröten zu. Mit Sicherheit gibt es bei uns aber auch Tiere, die aus klimatisch davon abweichenden Regionen stammen. Im Ferganabecken etwa oder in den bergigeren Gebieten Turkmenistans ist die Sommertrockenheit nicht so extrem, die mögliche Aktivitätszeit der Schildkröten daher länger. In Kasachstan sind die Winter kälter und dauern länger. Solche Tiere verhalten sich möglicherweise auch in Gefangenschaftshaltung anders.


(Steppenschildkröte im Mai in den Hügeln oberhalb von Dusambe, Tadschikistan, freundlich
überlassen von Jan Ševčík, www.sevcikphoto.com)