Lebensweise in Freiheit - Seite 7

1.6. Nahrung

Aus dem bisher Gesagten folgt, dass Steppenschildkröten Spezialisten sind, die ihre Lebensweise den extremen klimatischen Bedingungen ihrer Heimat angepasst haben. Das veranschaulicht die mehrfach zitierte Feldstudie aus der Umgebung von Buchara besonders prägnant: Hier genügen einer adulten Testudo horsfieldii weniger als 20 h Nahrungsaufnahme pro Jahr! Die Tiere sind an etwa 60 Tagen jährlich aktiv (ca. 5 Std. pro Tag) und an diesen Tagen etwa je 15-20 Min. mit Fressen beschäftigt. Innerhalb der kurzen, dreimonatigen Aktivzeit kommt es, zumindest anfänglich, auch in Usbekistan zu mehrtägigen Schlechtwetterphasen, die bis zu einer Woche anhalten. Es ist dann den Schildkröten zu kühl (unter 17° C Lufttemperatur), regnerisch und windig, was die Zahl der möglichen aktiven Tage mit Nahrungsaufnahme nochmals einschränkt.
Geschlechtsunterschiede gibt es aber auch bei der Futteraufnahme: Weibchen fressen in der Reproduktionsphase eindeutig mehr und länger als Männchen (bis zu max. 1 Std. pro Tag).

Testudo horsfieldii ist ein reiner Pflanzenfresser. Es wird das gefressen, was an Kräutern zur Verfügung steht. In der Regel konnten LAGARDE und sein Team keine gezielte Pflanzenauswahl feststellen, außer einem auffälligen Meiden der reichlich vorhandenen Süßgräser und der Tatsache, dass besonders viele Blüten gefressen werden. Auch für manche Tierarten giftige Pflanzen wie Hahnenfußgewächse oder Mohn stehen auf ihrem Speisezettel, möglicherweise sogar bevorzugt, vielleicht um Nahrungskonkurrenten auszuweichen (F. LAGARDE, X. BONNET et. al. 2003). Der Mohn und die Tulpe, die ebenfalls gefressen wird, gehören zu den Leitpflanzen der mittelasiatischen Steppe. Kein Wunder, dass Klatschmohn von der Steppenschildkröte begeistert angenommen wird. Da diese Pflanze schon vor langer Zeit mit dem Getreideanbau als Ackerunkraut aus Asien zu uns kam, können wir unseren Pfleglingen zumindest auf dem Speisezettel gelegentlich Heimatliches bieten. In der Schildkrötenhaltung sollten wir uns dennoch bei bekannt giftigen Pflanzen nicht darauf verlassen, dass die Tiere schon wissen, was ihnen gut tut. Das mag häufig zutreffen, doch unter Gefangenschaftsbedingungen kam es schon zu Vergiftungen und Todesfällen, z. B. durch Rhododendron, Eibe oder Efeu.

 Mohn in Kasachstan, fotografiert von Ashy Macbean, ashycook.topcities.com