Lebensweise in Freiheit - Seite 9

2.2. Aktivitätszeit und Sommerruhe

Die Aktivitätszeit dieser Schildkrötenart ist auch in unseren Breiten kurz, da dies im „inneren Programm“ der Tiere so verankert ist und sich durch die andersartigen klimatischen Einflüsse nur begrenzt verändern lässt. Obwohl sie bei uns meist keine richtige Sommerruhe halten, werden viele Steppenschildkröten ab Juli/August deutlich ruhiger, ruhen mehr und fressen weniger. Damit kommen viele Halter dieser Art schwer zurecht. Unser „Menschenempfinden“ sagt uns, dass die Tiere die „schöne Sonne“ ausnützen und vor der langen Winterstarre tüchtig fressen sollten. Im Empfinden der Steppenschildkröte aber ist die hochstehende Sommersonne „lebensgefährlich“ und muss durch Aufsuchen schattiger Unterschlüpfe gemieden werden. Wir kommen diesem Bedürfnis entgegen, wenn wir das Gehege mit halbhohen Kräutern, Grasbüscheln und niedrigen Büschen, z. B. Salbei, gut durchstrukturieren und dadurch kleinräumig sonnige, halbschattige und schattige Zonen realisieren. In heißen Sommern halten auch bei uns manche Steppenschildkröten eine Art Sommerruhe. Sie verlassen dann ihre Höhlen tagelang gar nicht oder nur kurz. Bis auf Verluste durch Darmentleerung halten sie dabei, trotz Hitze, ihr Körpergewicht ähnlich wie in der Winterstarre. Wenn wir uns immer wieder die Verhältnisse im heimatlichen Habitat vor Augen führen, fällt es uns leichter, das Verhalten unserer Schildkröten zu respektieren, ja sogar darüber zu staunen.

 Die Aktivitätszeit wildlebender Steppenschildkröten beträgt in vielen Gebieten nur rund 3 Monate, etwa von März bis Juni.
Die Sommerruhe kann ohne Unterbrechung in die Winterstarre übergehen.
(Grafik A. Winter, Bilder
A. Seifert)



2.3. Jahresrhythmus und medizinische Behandlungen

Meiner Meinung nach sollte man diesen deutlich ausgeprägten Jahresrhythmus auch bei planbaren medizinischen Behandlungen wie Entwurmungen unbedingt beachten. Trotz Wärme und Sonne läuft der Stoffwechsel ab dem Hochsommer, vermutlich hormonell bedingt, eher gebremst. Behandlungen sind daher zwischen April und Juni wesentlich effektiver und Medikamentenreste werden mit Sicherheit noch ausgeschieden. Von einer Entwurmung im Spätsommer möchte ich deshalb und auf Grund schlechter eigener Erfahrung (fast wirkungslos) abraten, wenn es nicht medizinisch dringend erforderlich ist. Dann aber muss mit viel Licht, Wärme und Terrarienhaltung nachgeholfen werden. Selbst die besten Strahler sind wirkungslos, wenn die Schildkröten über die abnehmende Tageslänge die „wahre Jahreszeit“ erahnen können. Auch dies muss beachtet werden und die Beleuchtungszeit entsprechend lang gewählt werden. Ich rate daher zu Kotuntersuchungen bereits im Mai oder Juni, so dass eine evt. nötige Behandlung bis Ende Juli abgeschlossen sein kann. Nur bei Schildkrötengruppen mit legenden Weibchen würde ich sicherheitshalber das letzte Gelege abwarten. Bei effektiver Entwurmung und anschließender ballaststoffreicher, gesunder Fütterung ist eine erneute Massenvermehrung der Parasiten eher selten.


2.4. Das Frühjahr ist entscheidend!

Sowohl bei der Haltung als auch ganz besonders bei der Zucht ist zu beachten, dass die Verhältnisse in den drei Monaten der Hauptaktivitätszeit möglichst optimal sein müssen. Diese Schildkrötenart kann ein schlechtes Frühjahr nicht durch einen guten Sommer ausgleichen. Eine Haltung im Freiland mit Frühbeet oder Gewächshaus ist für Steppenschildkröten eindeutig nur dann akzeptabel, wenn im Frühjahr tagsüber zugeheizt und, wenn nötig, beleuchtet werden kann. Kann dies gewährleistet werden, ist aber m. E. auch für Steppenschildkröten Terrarienhaltung nicht notwendig und ganzjährige Freilandhaltung die beste Lösung. Einzelne Schlechtwettertage, die die Tiere inaktiv ohne Zuheizung verbringen schaden nicht, doch zwei Wochen schlechtes Wetter sind eine „Ausfallzeit“ die nicht kompensiert werden kann. Unter solchen Umständen kommt es selten zu Nachzuchterfolgen, da die zeitliche Koordination gestört wird. Bekanntlich muss im Habitat das gesamte Fortpflanzungsgeschehen in kürzester Zeit ablaufen und praktisch sofort nach dem Erwachen beginnen, denn Verzögerungen könnten das adulte Tier in Gefahr bringen. Das Weibchen wird also in ungünstigen Jahren die Eiproduktion einstellen, wie es dies auch in Freiheit tun würde.

Das Futterangebot, bestehend aus abwechslungsreichen Wildkräutern darf und soll anfänglich durchaus üppig sein (www.schildifutter.de). Erst wenn die Schildkröten im Sommer nicht von sich aus die Nahrungsaufnahme reduzieren, müssen wir u. U. regulierend eingreifen. Unbedingt ist mit fortschreitender Jahreszeit auf eine ballaststoffreichere Ernährung aus ausgewachsenen Pflanzen zu achten.