Lebensweise in Freiheit - Seite 11

2.6. Winterstarre

Ernährungsprobleme erzeugen unmittelbar gesundheitliche Risiken für die Winterstarre, denn ein wechselwarmes Reptil muss sich, anders als ein winterschlafendes Säugetier, keine Fettreserven für die Winterstarre anfressen. Während einer korrekt durchgeführten Überwinterung verlieren die Tiere kaum Körpermasse (0 – 5 %), überwiegend Flüssigkeit, was sie sehr rasch wieder ausgleichen. Zu gut gefütterte Tiere dagegen vergiften sich durch unvollständig abgebaute Fette (Ketone) selbst und können daran noch nach Beendigung der Winterstarre sterben. Leberschäden können aus dieser Selbstvergiftung ebenfalls resultieren.

Vorbereitung: Nach meinen Beobachtungen ist eine anfängliche Phase verstärkter Grabtätigkeit im Herbst, sicher hormonell ausgelöst, da oft auch bei gutem, eigentlich „schildkrötentauglichem“ Wetter gegraben wird, natürlich und fördert möglicherweise sogar den Übergang in eine ruhige Winterstarre. Diese naturnahe Vorbereitung der Tiere ist in einem entsprechend ausgestatteten Frühbeet oder Gewächshaus am ehesten möglich. Der Halter muss allerdings Vorkehrungen treffen, dass die Tiere sich nicht unauffindbar in den Untergrund weggraben können, denn unsere Winter sind für eine unkontrollierte Freilandüberwinterung zu feucht. Während dieser herbstlichen Grabtätigkeiten verlassen meine Tiere ihre (Kunst-)Höhlen immer noch fast täglich, um sich im sonnenerwärmten Frühbeet oder unter einem Strahler auf Betriebstemperatur zu bringen. Obwohl fast keine Futteraufnahme mehr erfolgt, ist dies wichtig, denn nun wird vorhandener Magen- und Darminhalt vollends verdaut und ausgeschieden. Zusätzlich können 2-3 lauwarme Bäder an warmen Herbsttagen, wenn die Tiere sich zuvor selbst noch einmal aufgewärmt haben, die Ausscheidung fördern. Solche Bäder werden nicht von allen Haltern praktiziert. Auf alle Fälle sollten die Schildkröten mit möglichst leerem Magen-Darmtrakt in die Winterstarre gehen. Völlige Entleerung ist nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Eine 5-10%ige Gewichtsabnahme gegenüber dem sommerlichen Höchstgewicht in dieser Vorbereitungsphase ist aber wichtig und normal.

Winterstarre: Entsprechend ihrer Herkunft verkraften Steppenschildkröten während der Winterstarre kalte Temperaturen, angeblich sogar bis an den Gefrierpunkt, gut. Empfohlen wird für diese Art meist, jedoch ohne echte Begründung, eine Überwinterung bei 2-4 Grad. Wie aus Abschnitt 1.3. hervorgeht, können wir hier kaum auf Feldstudien zurückgreifen. Ich kann daher nur empfehlen, das Verhalten der Tiere beim Einwintern und während der Winterstarre gut zu beobachten. Dass nicht alle unsere Schildkröten auf tiefe Temperaturen gleich reagieren, hat seinen Grund möglicherweise in den unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen der jeweiligen Heimathabitate. Häufig zu beobachten ist jedoch, dass ein (zu) rasches Absinken der Temperatur, wie es z. B. beim Überführen in den Kühlschrank leicht auftritt, zu verstärkten Grabaktivitäten und damit zu erhöhtem Energieverbrauch führt. Ihren Instinkten folgend versuchen die Tiere, sich von der Kälte weg in tiefere Erdschichten einzugraben. Ein ähnliches Verhalten kann man gelegentlich auch während einer Hochdruckwetterlage bemerken. Zu Beginn einer Kühlschranküberwinterung ist daher ein langsames und vorsichtiges Senken der Temperatur, beginnend mit etwa 6-8 Grad, sinnvoll. Bei anderen, mehr naturnahen Überwinterungsmethoden, ergibt sich ein solcher Temperaturverlauf meist von selbst. Sehr tiefe Temperaturen von 2-3 Grad müssen und sollen m. E. nicht während des gesamten Überwinterungszeitraumes eingehalten werden. Bei meiner Überwinterungsmethode (Lichtschacht, kontrollierte Freilandüberwinterung) treten sie höchstens von Januar bis Anfang März auf, was ich für vollkommen ausreichend halte. Über 5 Monate durchgehend sehr kalte Temperaturen sind unnatürlich, denn auch die Klimadaten aus den Habitaten sprechen dagegen. Für mich entscheidend ist, dass die Schildkröten ihre winterliche Ruhezeit tatsächlich ruhig verbringen.

Ende: In meiner Haltung findet die Beendigung der Winterstarre zwischen Mitte und Ende März statt. Nach einer zunächst langsamen Erwärmung auf 8-10 Grad (im Verlauf von etwa einer Woche) erwachen die Steppenschildkröten im Frühjahr rasch. Sie nehmen nach dem Umsetzen ins Frühbeet meist schon am nächsten Tag Nahrung auf. Wenn sich die Tiere aus eigenem Antrieb auf Betriebstemperatur gebracht haben, können ein oder zwei lauwarme Bäder helfen, den Flüssigkeitsverlust rasch auszugleichen. Ein gesundes Tier hat nach spätestens einer Woche seine volle Aktivität aufgenommen. Sofort von „0 auf 100“ ist eben typisch für diese Schildkrötenart. Ein sehr zögerlicher Start, der bei einer Griechischen Landschildkröte normal sein kann (nicht muss!), ist bei dieser Art ein ernstzunehmender Hinweis auf ein mögliches Gesundheitsproblem. Die Haltung im beheizbaren Frühbeet/Gewächshaus schon ab Mitte/Ende März ist in vielen Gegenden Deutschlands gut möglich und bietet den Tieren warme Tage, aber kühle Nächte, wie sie sie auch in ihrer Heimat erleben. Anders als bei Griechischen Landschildkröten beeinträchtigen Nachttemperaturen um oder sogar unter 10 Grad im Frühjahr die Tagesaktivität nicht, im Gegenteil.

 Nach einer etwa 5-7 Tage dauernden langsamen Erwärmungsphase im Keller wurde dieses Weibchen an einem sonnigen Tag Ende März ins Freigehege verbracht. Schon 1 h später hat sie sich ausgegraben und öffnet die Augen. Später am Tag findet sie ohne zu zögern den Weg ins schützende Frühbeet. Am nächsten Tag wird sie fressen. Das Schildkrötenjahr hat begonnen. (Foto: A. Winter)